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Vor 20 Jahren begann die Renaissance der gemalten
Wände und der neuen Maltechniken mit
einem Paukenschlag:
Anlässlich der Brillux Hausmesse
demonstrierte Johannes Klinger gemeinsam
mit einem Mitarbeiter eine
10 x 2,5 m große Illusionsmalerei
live vor Publikum.
In
der Blütezeit der Raufasertapete
und der weißen Anstriche
wurden die plastischen
und getönten Wände zur Sensation.
Das Video der Mal-Aktion
wurde am ersten Messetag
über tausend Mal verkauft.
Brillux förderte die weitere
Entwicklung der neuen
Maltechniken und bot gemeinsam
mit Johannes Klinger
Seminare an, für mehrlagige
Schwamm-, Lasur- und
Spachteltechniken – und den
Glättemarmor.
Mappe: 20 Jahre Maltechniken
– abgedroschen, ausgelutscht
oder aktueller denn je?
Johannes Klinger: Natürlich
aktueller denn je! Weil die Zukunft
des Wohnens den Individualisten
jeglicher Couleur
gehören wird.
Mappe: Johannes, Du giltst als der Erfinder der
Maltechniken heutiger Prägung. Was war der
Auslöser?
Johannes Klinger: Die frühe Einsicht, dass jeder
Beruf zum Tode verurteilt ist, der nicht in der Lage
ist, sich gestalterisch zeitgemäß zu äußern.
Ich schätze ja auch historische Kunstrichtungen
sehr und beschäftige mich mit Ihnen, aber als
Gestalter ist es immer ein Zeichen von mangelnder
Vorstellungskraft, nur zu kopieren. In den
80er Jahren waren historische Maltechniken altmodisch
und ihre Anwendung nahezu vergessen.
Als Kirchenmalermeister und Künstler habe
ich mich für alle alten Maltechniken und das in
ihnen schlummernde Potenzial interessiert. Ich
hatte einfach Freude daran,ihnen eine neue,moderne
Sprache zu geben. Für mich lag das Thema
farbige Raumflächen in der Luft. Die Wände, die
ich in dieser Zeit malte, riefen Begeisterung bei
den Menschen hervor. Allerdings hat das Jahre
gedauert, bis sich dies auf breiterer Basis durchgesetzt
hat.
Mappe: Wie bist Du auf die Techniken gekommen?
War das ganze geplant oder eine eher zufällige
Sache?
Johannes Klinger: Um etwas entwickeln zu können,
brauche ich klare Vorstellungen davon, was
dabei herauskommen soll. Den Glättemarmor
zum Beispiel, der noch heute die moderne Marmor-
Maltechnik schlechthin ist, entwickelte ich
aus dem Wunsch, die Marmormalerei über eine
raffinierte technische Idee vielen Menschen zugänglich
zu machen: Ich kannte die Abklatschtechniken
aus dem Bereich der Kunst und wusste,
dass viele Kollegen gern und gut mit der
Spachtel arbeiten. Diese Idee kam relativ spontan,
die Entwickungsphase selbst, die der ausgereiften
Technik führte, dauerte mehrere Wochen.
Mappe: Hast Du jemals damit gerechnet, dass
der Boom so lange anhält?
Johannes Klinger: Ja, warum nicht? Farbe ist
doch etwas, das die Menschen tief berühren
kann. Jenseits eines Trends kann Farbe in der Architektur sogar noch jahrzehntelang existieren –
wenn Menschen die Fähigkeit besitzen, sie innovativ
zu erneuern.
Mappe:Würdest Du sagen, dass diese Entwicklung
dem Malerhandwerk gut getan hat?
Johannes Klinger: Auf jeden Fall! Viele Maler haben
durch Maltechniken eine ganz andere Beziehung
zu Ihrem Beruf bekommen, Hersteller ein
besseres Image. Sehr wichtig ist bis heute, dass
begabte Nachwuchskräfte dadurch angelockt
und gefördert werden können.
Mappe: Gibt es auch negative Seiten dieser Entwicklung?
Johannes Klinger: Schlechte Kopien, hirnlose Gestaltungen,
zu Tode gerittene Trends, Kitsch:
Denk an den »Pfau auf der Balustrade«. Motive
wie diese mutierten zum »Röhrenden Hirsch«
des ausgehenden 20. Jahrhunderts.
Mappe: Kann jeder, der Maler gelernt hat, auch
dekorative Maltechniken ausführen?
Johannes Klinger: Den Schritt zu dekorativen
Techniken würde ich jenen Malern empfehlen,
die den dornigen Weg einer jahrelangen, ernsthaften
Auseinandersetzung mit Farbe, Technik
und Architektur nicht scheuen. Für eine vorzeigbare
Qualität bedarf es Talent, kritische Auseinandersetzung
mit Techniken und Stile, Bewusstheit
und Zeit zur Reife. »1,2,3 und los!-Seminare«
funktionieren nur für Abstellkammern. Zweifelhafte
Ergebnisse geben den Kritikern von Farbe
Recht und stellen für den Beruf selbst eine Negativwerbung
dar. Ich schätze übrigens einen
handwerklich gut ausgeführten Anstrich mehr
als zweifelhafte Verkünstelungen.
Mappe: Wie viel sollte bei Maltechniken Inspiration
und Kreativität und wie viel handwerkliches
Können sein?
Johannes Klinger: Wenn Du Malerei mit Sprache
vergleichst, so ist das handwerkliche Können die
Grammatik, der Satzbau. Die Beherrschung der
Mittel ist also die Voraussetzung. Entscheidend
für ein gelungenes Ergebnis ist aber die Herstellung
einer emotional, sinnlichen Präsenz. Anders
ausgedrückt: Wenn Du Menschen berühren
willst, benötigst Du jene Kreativität und Inspiration,
die die Beziehung von Mensch-Farbe-Raum
zur Wirkung bringen. Dazu müssen die oft rein
handwerklichen Mittel überschritten, zuweilen
auch gebrochen oder ergänzt werden.
Mappe: Viele setzen Maltechniken mit den überlieferten,
historischen Techniken gleich. Hat das ganze tatsächlich mit Tradition und Rückbesinnung
zu tun?
Johannes Klinger: Ich mag Rückbesinnung gerne,
wenn sie uns zeigt, dass die Verbindung von
Raum und Farbe eine sehr alte, phantasievolle,
vielfältige und wichtige ist. Dieser Rückblick sollte
uns aber nicht zu falschen Nostalgikern machen,
die diese großartigen Werke der Vergangenheit
gedankenlos zu plündern beginnen, um
beispielsweise aus einem Bad einen lächerlichen
Tempel zu machen. Echte Rückbesinnung verdeutlicht
uns jene Jahrhunderte alte Beziehung
von Malerei und Architektur, auf der seriöse Arbeit
gründet. Sie zeigt, welche Perspektive uns
dieser Beruf jenseits oberflächlicher Trends bieten
kann.
Mappe: Kann aus einem rückwärts gewandten
Blick überhaupt noch etwas Innovatives, Originäres
entstehen, das derart dominiert und nicht
nur ein Abklatsch von Althergebrachtem ist?
Johannes Klinger: Nein, und es war leicht vorauszusehen,
dass die Optik standardisierter Techniken
und Illusionsstaffagen sich schnell verbrauchen
wird. Vielen Menschen gefällt es zwar noch.
Aber das sind,streng genommen,längst Nischen
von gestern.
Mappe: Was kommt nach den Maltechniken?
Oder anders gefragt:Was ist die nächste Evolutionsstufe
der Maltechniken?
Johannes Klinger: Die neue Dimension der Maltechniken
basieren auf dem stärkeren Bedürfnis
nach Individualität, dem konstruktiven Dialog
mit der jeweiligen Architektur, auf der Kombination
mit neuen Beschichtungsmaterialien und
Themen: Viele unserer neuen Wände korrespondieren
auf einzigartige Weise mit Licht.Viele unserer
Entwurfsarbeiten sind keine Bilder, auch
längst keine definierten Techniken mehr, sondern
haben als klares Thema z. B. den Dialog mit
Licht. Der bewusste Umgang mit Farbe und Licht
hat sich die letzten Jahre herauskristallisiert und
ist dabei zu einem der zentralen Themen der Innenraumgestaltung
zu werden. Unsere neuen
Ergebnisse dazu überraschen, begeistern und
provozieren. Das ist gut so, denn neue Märkte
entstehen nicht, in dem wir Traditionen bis zur
absoluten Langeweile kopieren, sondern indem
wir neue Traditionen schaffen!
Mappe: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Matthias Heilig. Mappe 3/07
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